Aufpumpen und Abnehmen

Für den Künstler Ralf Ziervogel gehören Filme zu seinen wichtigsten Inspirationsquellen. Eine von ihm kuratierte Auswahl zwischen Arthouse und Trashvideo ist noch bis Januar im Hamburger Metropolis Kino zu sehen. VON LARISSA KIKOL

30. November 2018

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Eine Frau zieht sich ein enges Glitzerkleid über, parfümiert sich, legt sich noch etwas hin und verlässt schließlich elegant mit ihren Hunden das Haus. Danach tritt Rambo auf. Ölverschmiert und mit Stirnband richtet er ein Schlachtfeld aus toten Körpern an. Angeblich starben im vierten Rambo-Film in weniger als 90 Minuten über 230 Menschen.

Während im Hauptfilm John Rambo (2008) die Knochen zersplittern und möglichst viele offene Wunden gefilmt werden, wehen im Vorfilm Puce Moment (1949) von Kenneth Anger feinste Abendkleider lasziv vor der Kamera. Beide Videos wählte Ralf Ziervogel für sein Filmprogramm aus, das anlässlich seiner Ausstellung RALF ZIERVOGEL – AS IF im Metropolis Kino gezeigt wird. Die Zusammenstellung von je einem kurzen Video und einem Spielfilm lässt erkennen, worauf Ziervogels Hauptaugenmerk gerichtet ist. In diesem Fall geht es um Fragen der Körperlichkeit zwischen Mann und Frau, attraktiver Übersteigerung einer Hülle durch glitzernde Kleider oder Bodybuilding und dem aufbrechen anderer Hüllen und Uniformen durch Wunden und Knochenbrüche. Der Rambo-Körper als fleischgewordene Militärtechnik wurde oft nachgeahmt. Gerade die dunklen Schlieren durch Öl und Erde im Gesicht, die nassen Haare und der meist feuchte Oberkörper, adoptierten viele Action- und auch Pornofilme.

Rambo wird bei Ziervogel nicht intellektualisiert, sondern verleitet zur Reflexion über die psychologische Wirkung von Körpergestaltung. Aufpumpen, Abnehmen und wieder Aufpumpen, anziehen, verkleiden, verletzen, aufbrechen – diese Formfindungsprozesse liegen ebenfalls nicht weit von Ziervogels zeichnerischem Figurenwerk entfernt.

Zwischen Reibung und Kampf, zwischen immer wiederkehrenden Kollisionen scheinen sich Ziervogels Protagonisten auf Papier permanent festzuhalten und wieder abzustoßen. Die Folgen sind Vergrößerungen von Körperöffnungen, Erregungen, Erbrechen, Muskelspannungen und Verdrehungen. Krafteinwirkungen verursachen Formtransformationen, ob bei der Eisenverarbeitung, durch Naturgewalten wie Stürme oder Feuer oder durch menschliche Gewalten wie in der Rambo-Filmreihe. Ziervogel adoptiert diese physikalischen Gesetze in seinem künstlerischen Kreationsansatz.

Der Künstler erzählt, dass er mit Filmen aufgewachsen sei, ja, mit Filmen lebe. Seine Urgroßeltern und sein Großvater besaßen mehrere Filmtheater, in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Nordhessen, bis die Familie von den Nazis enteignet wurde. Filme von Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau oder Charlie Chaplin durften vorher schon nicht mehr gezeigt werden. Das Boot sah Ziervogel bis zu 20 Mal, besonders haben ihm die gewachsenen Bärte der Seeleute als narratives Symbol fasziniert.

An einem anderen Vorführtag sieht der Zuschauer Folgendes: »Alles was ich will ist alles haben. Alles was ich will ist alles tragen«, rappt ein naiv wirkender Teenie-Boy mit Goldkette und einem schlapprigen Sonnenhut auf dem Kopf. Neben ihm tanzen zwei Mädchen, sie tragen ein ähnlich albernes Sonnenhutmodell. Während der Rapper immer wieder die gleichen, unbeholfenen Handbewegungen ausführt, weit entfernt von einer starken Hip-Hop-Gestik, wiederholt er im gesamten Song über 180 Mal das Wort »Alles«. Der Pegel des Fremdschämens steigt an. Ungefähr zwei Stunden später sieht man Grace in einer Theaterkulisse an ein Bett gefesselt. Sie wird missbraucht, am Ende überlebt sie und lässt die Männer umbringen. Dieses Duo aus Vor- und Hauptfilm besteht aus dem trashigen Amateur-Musikvideo Alles von Hustensaft Jüngling und aus Dogville (2003) von Lars von Trier. Auch hier stehen die Körper im Vordergrund: Es geht um eine Narration der Entgrenzung von Körpern, durch eine Hyper-Multiplikation wie mit der konsumgeprägten, abstrakten Idee »Alles« zu tragen und an sich zu haben sowie durch sexuelle Gewalt in einer schemenhaften Gegenständlichkeit wie in Dogville.

Leichter und romantischer wird es bei dem Duo von Kenneth Angers Rabbit’s Moon (1950) als Vor- und Sidney Hayers Wie ein Schrei im Wind (1966) als Hauptfilm. In dem kanadisch-britischem Spielfilmklassiker geht es um die Beziehung zwischen einem stummen Waisenmädchen und einem groben Fallensteller. In der kanadischen Wildnis werden selbst ein Kampf mit Wölfen zum romantischen Naturschauspiel und eine Fußamputation zu einem wichtigen Schritt der Paarentwicklung. Die Körperlichkeit als Erzählmedium und die Geschlechterklischees sind auch hier von großer Bedeutung. Ein nordischer Cowboy in Fellkleidung, der ein Körperglied verlieren wird und ein sensibles, zerbrechliches Mädchen haben die Aufgabe zusammen zu wachsen, quasi einen neuen Körper zu bilden.

Das letzte und vierte Duo des Filmprogramms besteht aus dem berühmten Antikriegsfilm Apocalypse Now von Francis Ford Coppola sowie aus zwei kurzen Vorfilmen, Musikvideos von Ralf Ziervogel aus den Jahren 2000 bis 2003. »Eigentlich unverschämt von mir, eigene Videos vor dieses Meisterwerk zu setzen«, kommentiert der Künstler im Nachhinein.

Auch die Filmplakate sind von Ziervogel selbst gestaltet. Mal ist es eine eigene, figurative Zeichnung wie im Fall von Rambo, ansonsten sind es Fotos, die in assoziativer Lesart auf die Filme eingehen und die mit dem klassischen Filmplakat-Narrativ des Heldentums brechen. Wichtig war es dem Künstler die Filme typografisch gleichberechtigt abzubilden. In gleicher Schriftgröße steht der Hustensaft Jüngling direkt vor Lars von Trier. Ein absurd wirkendes Text-Fundstück, das man sicherlich so kein zweites Mal mehr sehen wird.

Nach Ziervogel sollen die Zuschauer bei allen vier Filmpaaren weniger nach rationalen Zusammenhängen suchen und sich dafür mehr von ihren Gefühlen und Stimmungen leiten lassen. Manche Zusammenstellungen können lustig anmuten, anstatt bitter ernst. Wichtig war es ihm keine neuen HD-Versionen der alten Klassiker zu zeigen. Da die meisten seine ausgewählten Hauptfilme schon einmal gesehen hätten, geht es um die Erinnerung daran. Warum schaut man sich wiederholt den gleichen Film an? Warum sehen sich manche immer wieder Star Wars an? Ziervogels Antwort: Der Film müsse den Betrachter in einer Art nicht gelösten Schockzustand versetzt haben, durch einen oder mehrere Aspekte des Filmes, die nicht wirklich verarbeitet wurden. Man durchlaufe sie immer wieder.

John Rambo, Dogville, Wie ein Schrei im Wind und Apocalypse Now fallen in einem gegenwärtigen Kinoprogramm auf, weil man überrascht ist, ihre Namen wieder zu lesen. Man kann sie im Vorbeigehen entdecken und plötzlich Lust bekommen, ein nostalgisches Gefühl wiederzubeleben.

Larissa Kikol ist promovierte Kunstwissenschaftlerin und arbeitet als freie Kunstkritikerin und Dozentin. Ihr Buch »Tollste Kunst - Kindliche Ästhetik in der zeitgenössischen Kunst« erschien beim Transcript Verlag. 2018 brachte sie den Band »Politik, Ethik, Kunst. Kultureller Klimawandel« bei Kunstforum International heraus. Sie lebt und arbeitet in Marseille und Köln.

Die Ausstellung RALF ZIERVOGEL – AS IF ist noch bis zum 27. Januar 2019 in der Sammlung Falckenberg zu sehen. Das von Ralf Ziervogel kuratierte Filmprogramm im Metropolis Kino läuft noch bis zum Ende der Ausstellung. Nächste Termine: Dienstag, 15. Januar 2019, 19 Uhr (Vorfilm: Rabbits Moon, Hauptfilm: Wie ein Schrei im Wind), Freitag, 25. Januar 2019, 21.15 Uhr (Vorfilm: Die Mars · Ablatten, Hauptfilm: Apocalypse Now). Mehr unter www.metropoliskino.de


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